Mittwoch, 1. Mai 2013

Eine schwarze Geschichte.

Es fühlt sich an als würde meine Welt zusammenbrechen. Ich liege in meinem Bett, eingerollt in Decken, versteckt unter Kissen, ein Stofftier im Arm das ich so fest an mich drücke, als würde ich es zerquetschen wollen. Eigentlich habe ich versucht zu schlafen, aber es geht einfach nicht. Nach den vielen Monaten die vergangen sind, seit ich dich das letzte Mal sah, ist der Schmerz immer noch so stark, so präsent. Eine Träne läuft quer über mein Gesicht, streicht über meinen Mund. Das Salz schmeckt so wie all die alten Wunden, die die Erinnerung und der Gedanke an dich wieder aufgerissen haben. Ich habe längst die Hoffnung aufgegeben, dass sie jemals heilen werden. Nur ein anderer könnte mich je retten, doch wäre es fair, einem anderen Menschen diese Last aufzubürden? Nein. Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Hab doch alles versucht – all die Filme gesehen, all die Dinge getan, die helfen sollten. Deine Lieblingsalben aus dem CD-Regal verbannt. Kontakt zu all jenen, die mit dir zu tun haben, abgebrochen. Hab doch mein Leben für dich aufgegeben, für nichts, nichts, nichts.


Tage später hab ich mich wieder aufgerafft. Diese Rückfälle kommen immer so unerwartet, dass man nie genug Wodka und Zigaretten im Haus hat. Rauche ohnehin viel zu viel seit du weg bist. Sie sagen 'Raucher sterben früher' aber sterben nicht auch die zu früh, die lieben? Verzweifelt, leidenschaftlich, unglücklich lieben? Sterben sie nicht auch aus Liebe, weil diese sie um den Verstand bringt, sie das Leben kostet? Und ist es dann nicht vollkommen egal, ob es nun das Nikotin war, das dein Inneres zerstörte, oder jene zerreißenden Gedanken?
Bin jetzt in der Stadt. Vorhin hat es geregnet, der Asphalt glänzt im schwachen Sonnenlicht. Es kommt mir immer so falsch vor, wenn die Sonne draußen scheint, aber in mir herrscht Sturm, Dunkelheit und Kälte. Da ist dieser heruntergekommene Kiosk, in dem es Tabakwaren und Spirituosen gibt, egal wie du aussiehst, woher du kommst und vor allem wie alt du bist. Ich schätze, das Vermissen hat mich ohnehin so zermürbt, dass ich um Jahre gealtert aussehe. Der Kioskbesitzer hinter der Ladentheke hat trübe Augen. All die Jahre haben seinen Blick verschwommen gemacht, rastlos, und dennoch unaufhaltsam; oder hat er auch einst geliebt und verloren? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich nicht. Hab mein Interesse für die Welt und das Leben verloren, seit dem Tag, an dem dein Blick meinem auswich und den ihren einfing.

Ich stopfe den Tequila in meine Tasche, die Zigarettenschachtel ist schon ganz zerdrückt. Ich nehme mir eine zerknautschte Zigarette, zünde sie an, scheitere. Erst beim vierten Versuch klappt es. Der Regen hat wieder eingesetzt. Ich stülpe die Kapuze der alten, abgewetzten Trainingsjacke über meinen Kopf. Es ist kalt. Ich habe meinen Schal zuhause vergessen. Zuhause? Ich hab eigentlich keines mehr. Bin selten dort, wo ich früher immer war, treibe mich eher irgendwo herum, mit jenen zwielichtigen Menschen, die sich bereits ihr ganzes Leben ruiniert haben. Die süchtig sind. Nach Freiheit und Glück und Liebe. Dies nicht bekommen. Diese Drogen ersetzen müssen durch Heroin, durch Crystal Meth, durch Koks. Durch Kiffen, wenn sie eben erst angefangen hatten, langsam zu sterben. Wir leben in einer heruntergekommenen Gesellschaft. Niemanden schert es mehr, wie es dem Anderen geht. Alles was zählt sind Geld und Ruhm. Dass der gute Ruf erhalten bleibt. Schon merkwürdig, wie die Zeit einen verändert. Ich habe mal an eine gute Welt geglaubt. Damals, als ich noch glaubte, Liebe würde existieren. Als ich noch nicht wusste, dass jeder von uns ganz allein ist. Dass keiner den anderen versteht. Da wo dieser Glaube war, ist nur noch unglaublich großer Schmerz. Ein schwarzes, riesiges, klaffendes Loch, das seine Farbe verliert, aber nicht seine Bedeutung.

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